"Kunst ist sicher der letzte Bereich, wo man sagen kann, ich will so sein, wie alle anderen auch und einfach nur so vor sich hinzupinseln – obwohl ich den Gedanken ganz symphatisch finde."

Der Hamburger Künstler Tilman Knop im Gespräch mit Ebi Fleck, http://www.tilman-knop.de/, © Foto EbiFleck

GWAI
Moin Tilman,
deine Arbeiten tragen Namen wie "Jahrtausendrede", wo ein Baum uns einen Stinkefinger zeigt, oder "Husten" – ein Objekt aus Zweigen auf Rädern, das wie eine Marssonde aussieht. "Galerie Noblessé" ist eine offene, kleine Kiste, deren Dach durch Wurstenden gehalten wird… Das Absurde und Grosteke zieht sich durch deine Arbeiten wie ein Roter Faden …

Warum eigentlich ?

Tilman Knop
Oohh…die schwierigste Frage gleich zu Anfang. Hm…

Husten, 2011
(Objekt auf Drehbühne)
Galerie Noblèsse,
Varanger Halbinsel 2008
Jahrtausendrede
Okt. 2009, Commercial Nr. 2463,
Siebdruckunikat auf Leinen, 7x7 cm
     

GWAI
Das sind zum Beispiel deine Objekte mit Rädern, die ja manchmal so echt wirken, als dienten sie einem tatsächlichen Zweck oder stammten von einer Ingenieurs- oder Tüftler-Messe. Oder die Commercials, in denen paradoxe, groteske Kombinationen aus Bild und Textzusammenhang entstehen – sie enthalten immer das Element von Humor und Lächerlichkeit…Du bist dagegen ein eher ernster und ruhiger Typ – was reizt dich daran?

Tilman Knop
Zum einen zieht sich das schon lange durch mein Leben, dieser spielerische Umgang mit Worten, Bildern … Und Kunst ist dafür ein guter Raum; in anderen, seriösen Berufen müsste man sich da sehr zurücknehmen. In der Kunst kann man sich das einfach 'rausnehmen, was ich schon genieße. Die Freiheit will ich schon haben, Unsinn zu machen.

Zum Beispiel zunächst ernsthaften Motiven völlig idiotische Texte zuzuordnen und damit in ein Frage-Antwort Spiel einzuflechten, das besagte Objekt, das aussieht wie ein Rennwagen, auf einer edlen Drehbühne zu präsentieren, wie sie z.B. auf einem Autosalon benutzt wird, und das nach oben führend immer ärmlicher und jämmerlicher zusammengezimmert ist.

Da ist für mich eine Spielfreude dabei. Dinge nicht so zu wiederholen, wie wir sie aus der Realität kennen, sondern die Dinge ad absurdum zu führen und ihnen vollkommen unpassende Titel zu geben. So weiß ich bis heute nicht, warum das Objekt "Husten" heißt, mir schwirrte der Titel lange im Kopf herum und ich dachte dann, der passt.

Humor ist für mich schon das Wesentliche an meiner Arbeit, vielleicht weil ich selbst gar nicht auf den ersten Blick als humorvoller Mensch gelte. Das ist für mich das Gute an Kunst, das es ein Spielfeld ist für Dinge, die in anderen Bereichen nicht möglich wären.

Boulevard Onkel Heiner
2008, Mischtechnik auf Markisenleinen, 140x110 cm

GWAI
Diese groteske Verbindung von Text und Motiven zieht sich durch deine Arbeiten. Kann Sprache  überhaupt eine konkrete Information übertragen?

Tilman Knop
Also, was ich in diesem Interview versuche, ist für mich eine große Herausforderung, weil ich versuche wirkliche Antworten zu geben. In meinen Arbeiten hingegen, in denen ich ganz platt Textzeilen unter das Motiv haue, da arbeite ich häufig ironisch und betrachte das alles aus einer großen Distanz, ich benutze Bilder ja häufig aus fremden Zusammenhängen und vertausche die Text und Bildzusammenhänge.

GWAI
Wie entsteht bei dir die Idee für so eine Arbeit? Ist das ein fester Prozess, wo sich ein Gedanke, ein Bild verankert und nicht mehr weggeht, bis du Ihn umgesetzt hast…?

Tilman Knop
Von allem ein bisschen – die spontanen Einfälle genauso wie das lange Laborieren an Bildern, wobei die spontanten Ideen meistens am unverfälschtesten sind. Manchmal sieht man meinen Sachen an, dass daran lange herumgebastelt wurde, bis ich dann endlich zu einem Bild den passenden Text gefunden habe oder umgekehrt.

Da wird häufig mit einer gedanklichen Brechstange rangegangen – und geschraubt sind bei mir die Sachen sowieso, das kommt aus der Tatsache, dass ich kein aus dem Gefühl heraus Arbeitender bin. Ich halte Kunst auch für ungeeignet, um mit ihr persönliche Befindlichkeiten auszudrücken.

GWAI
Was wäre deiner Meinung nach geeigneter?

Tilman Knop
Spontane Performance, Jazz, also alles, was direkter und unmittelbarer ist. Ich glaube bis heute keinem Maler, dass er an die Leinwand geht und sein Gefühl da hineinschmeißt. Da ist doch immer eine Koketterie vorhanden, wenn ich zum Beispiel meinen Kopf durch eine Leinwand rammen würde, kann man dann wirklich sagen: ich war sehr wütend?

GWAI
Auf das Bild bin ich gespannt!

Tilman Knop
Trotzdem, so was wirkt auf mich immer pseudo.

GWAI
Wie schwer ist es denn für dich, bei deinen Arbeiten zu bleiben, die Motivation nicht zu verlieren?

Tilman Knop
Das fällt mir mit der Commercials-Serie sehr leicht. Das ist für mich so eine Lebenslinie – seit fast 19 Jahren arbeite ich Monat für Monat daran –, die mich also zwingt, weiterzumachen, aber mir auch hilft, wenn ich in Phasen der Einfallslosigkeit, gezwungen bin im Rahmen der 7x7cm-Bildchen etwas daraus zu machen. Irgendetwas wird mir dann schon einfallen, selbst wenn es eine schlechte Idee ist…

Fünf Fehler
2010, Mischtechnik auf Markisenleinen, ca. 45x30 cm

GWAI
Verlieren deine Ideen eigentlich an Faszination durch die Mühen der Umsetzung? Du schraubst und bastelst ja viele Werke in kleinteiliger Arbeit. Oder entwickeln sich während der Umsetzung erst neue und faszinierende Elemente?

Tilman Knop
Beides. Aber ich bin kein schneller Arbeiter, der impulsiv zu Werke geht. Eine Idee die ich habe, daran schraube ich erst einmal, und glückliche Momente entstehen da natürlich, wenn mir während der Arbeit Gedankenblitze wiederfahren, die mir ein Abbiegen in eine unerwartete Richtung signalisieren. Das ist sehr willkommen bei mir.

Das ist anders, als wenn man, wie ein Architekt, einen festen Plan hat und diesen bis zum Ende durchziehen muss. Das wäre für mich langweilig. Da muss man auch aufpassen, dass man nicht der Erfüllungsgehilfe der eigenen, ursprünglichen Idee ist.

GWAI
Du bist vor kurzem Vater einer Tochter geworden. Wie hat sich dadurch dein Selbstverständnis als Künstler verändert? Der Druck, unbedingt Geld verdienen zu müssen, was ja vorher beispielsweise nicht da.

Tilman Knop
Ich bin – meine ich – ein Eigenbrötler, und das geht in einer Familie natürlich nicht so gut. Ich bin da auch schon in Konflikte gekommen, einerseits ein Eigenbrötler sein zu wollen und dann natürlich mich um organisatorsche Dinge kümmern zu müssen, die ich ja gerne mache, aber das Vaterdasein hat mich schon auf einen anderen Fuß gesetzt.

Das Ökonomische ist natürlich genauso wenig vorhanden, wie es vorher auch schon wenig war, und man hat etwas weniger Platz im Kopf. Aber klar, ich bin niemand, der für die Kunst sterben möchte. Und für die eigene Tochter…na, da entstehen entscheidende Lebensfragen, die für mich den Wert der Kunst auch relativiert haben.

GWAI
Was wolltest du als Kind eigentlich einmal werden?

Tilman Knop:
Ich glaube, so das Übliche, was Kinder so werden wollen: Formel1-Rennfahrer stand im Vordergrund, U-Bahnfahrer, Krankenwagenfahrer, ich glaube auch Pilot, also das Typische was Jungs werden wollen.

Ausstellung INNER HORSTI von Tilman Knop,
Multiple Box Hamburg 2011 Kombination der Serien: Commercials, 50 Jahre Menschheit, Wwucherungen und weitere Arbeiten

GWAI
Was gab später den Ausschlag, Künstler zu werden?

Tilman Knop
Im Teenageralter war schnell klar, dass ich mit Malerei und Zeichnen liebäugelte, das habe ich dann auch viel gemacht, und ist mir vom Elternhaus auch nahe gebracht worden. Die Idee, Künstler zu sein, hat dann schnell bei mir Form angenommen, ich bin da kein Späteinsteiger, sondern es war für mich früh klar, dass ich diesen beschwerlichen Weg, der auch Freiheiten bieten mag, einschlagen werde.

GWAI
Was war oder ist denn der eigentliche Ausgangspunkt, Künstler zu sein? Das ist ja keine berufliche Tätigkeit, sondern eine gesamte Lebenseinstellung und -führung.

Tilman Knop
Ja, mir ist klar geworden, das ich mit 15,16 Jahren sehr von der Punk-Musik beeinflusst war. Das geschah aus diesem radikalen Moment heraus: ich mache was ich will, ich scheiß' auf alles andere, ich gehe meinen Weg, ich setze mich keinem gesellschaftlichen Druck mehr aus – was natürlich eine absolute Utopie ist, aber was mir als Gedanke sehr gut gefällt: Also das zu tun, was einem wirklich wichtig ist und wo die Welt sich erst einmal um mich dreht, um meine eigenen Entscheidungen und meine Freiheit, das war die Initialzündung, wo es nicht speziell um Malerei oder so, sondern um einen Lebensentwurf geht, der weg von den gesellschaftlichen Konventionen führt. Rückblickend bewerte ich das jedenfalls so.

GWAI:
Was oder wer interessiert dich als Betrachter von Kunst? Siehst du dir Arbeiten anderer Künstler an? Fällt es dir dann schwer, dich auf die Kunst anderer einzulassen, wie ein Regisseur, der einen Film sieht und ständig daran denkt wie er alles hätte besser machen können, oder der frustriert ist, weil er denkt, warum bin ich nicht darauf gekommen, oder: so was schaffe ich niemals?

Also wie unvorbelastet kannst du dich auf andere Kunstwerke einlassen?

Tilman Knop
Für mich ist der unmittelbare Zugang, vermutlich wie für alle anderen auch das Wichtigste. Aber natürlich ist man auch Narziss und eitel und alles definiert sich zunächst über die Qualität der eigenen Arbeiten. Aber ich sehe meine Position da auch klar und würde mich nicht mit sehr fleißigen, guten Künstlern vergleichen, da ich nicht in der ersten Liga mitspiele, wo die Kunst eine so große Rolle spielt, dass das ganze Leben davon bestimmt wird.

Ich sehe mich da eher als ein Klein-Künstler mit begrenztem Ehrgeiz. Aber mit einer gewissen Aufmerksamkeit, auch mit Vorurteilen gucke ich auf andere Künstler und finde da Gesinnungsgenossen. Ich mag Kunst, die mit Humor arbeitet, und die sich selbst nicht in den Vordergrund stellt, die den Zweifel, das Misslingen und menschliche Schwächen subtil thematisiert.

GWAI
Welche Namen fallen dir ein?

Tilman Knop
Roman Signer, ein Schweizer Künstler, der viel mit Explosionen und elementaren Dingen, wie mit Wasser arbeitet, der das wie Buster Keaton ernsthaft tut, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Seine Sachen sind hoch unterhaltsam.

Fischli und Weiss auch, ich finde Albert Oehlen, Dieter Roth sind tolle Künstler, Kippenberger war sehr prägend für mich, bestimmte Phasen von Richard Long, dem englischen Land-Art Künstler gefielen mir, aber auch Helge Schneider, wie natürlich auch einige befreundete Künstler.

GWAI
Wie versuchst du deine Arbeiten in die Öffentlichkeit, zu einem Publikum zu bringen? Wie schwer ist es, eine Galerie zu finden?

Tilman Knop
Das ist mein größter Schwachpunkt, ich bin überhaupt kein guter Akquisiteur. Ich habe mich da stets mehr um mein Atelier-Dasein gekümmert und schätze es die Zügel in der Hand zu behalten, anstelle ständig auf Anfragen zu reagieren. Das ist so eine selbstgewählte Unbekanntheit bei mir.

GWAI
Das klingt, als sieht du es kritisch, deine Arbeiten in Ausstellungen zu sehen. Ist das nicht auch Teil des künstlerischen Prozess, die Arbeiten einem Publikum zu zeigen?

Tilman Knop
Ja, auf jeden Fall, das mache ich auch gerne und verkaufe meine Sachen auch gerne, aber ich bin da nicht so hinterher und arbeite seit langer Zeit nur mit zwei Galerien in Hamburg zusammen, zu denen ich auch freundschaftliche Beziehungen habe. Das liegt natürlich auch an meiner Persönlichkeit. Ich bin eher ein zurückhaltender, schüchterner Typ und in diesem Haifischbecken, dem Kunstmarkt, fühle ich mich eher unwohl.

Deutscher Staub 2009
Wohnstubenstaub in Plexiglas-Container auf Rädern, bedruckt, ca. 28x18x12 cm (In Zentral-Island während einer Wanderung zurückgelassenes Objekt)

GWAI
Schätzt du den Austausch über deine Arbeiten auf einer Ausstellung? Wie ist es Personen über die eigene Arbeit reden zu sehen?

Tilman Knop
Ich stelle fest das sich die Leute häufig amüsieren und das freut mich, weil meine Arbeiten in diese Richtung angelegt sind, und es würde mich wundern, wenn man ernst an meine Sachen heranginge, wobei der Humor in meinen Arbeiten auch etwas Lösendes haben soll.

GWAI
Über Vermarktung haben wir schon gesprochen: Beuys mit seinem Filzhut, Dalis exzentrischer Schnurrbart – viele Künstler inszenieren sich  sehr bewusst, kleiden sich anti-bürgerlich. Auch in der Kunst-Szene gelten ja Normen, wie man sich zu kleiden oder eben nicht zu kleiden hat. Entstehen da nicht Widersprüche, einerseits als Künstler möglichst frei und risikobereit zu sein und andererseit den Normen des Kunstbetriebs, der Kunst-Szene entsprechen zu müssen, da sonst Ablehnung droht?

Tilman Knop
Bei mir spielt das keine Rolle, denn sobald ich in der Öffentlichkeit bin, versage ich sowieso. Alles, was ich mir vorher überlegt hätte, wenn ich einen Auftritt in der Menge haben soll, wäre dann ohnehin gescheitert, da ich die Rampensau einfach nicht hinkriege. Ich finde aber die Leute nicht per se schlecht, die das können, das kann ja auch passen.

GWAI
Ich möchte nochmal auf die Normen der Kunst-Szene zurückkommen. Da wird Erfolg doch oft sehr kritisch bewertet, und ein Künstler, der in feinem Zwirn und Porsche vor der Galerie vorfährt, verstößt gegen diese Normen. Da entsteht ein Widerspruch zwischen den künstlerischen Werten Freiheit und Radikalität und dem Anspruch des Kunstbetriebs, der ein angepasstes Verhalten erwartet.

Tilman Knop
Die Kunstszene ist ja keine ideale Parallelgesellschaft, da tauchen ja die üblichen Verhaltensweisen auf, wie in der Alltagsgesellschaft auch. Und obwohl das kein organisiertes Feld ist, würden wir den Künstler unter 100 Leuten immer erkennen können – wahrscheinlich…

GWAI
Also siehst du schon einen gewissen Zwang zur eigenen, den Normen des Kunst-Betriebs entsprechenden Inszenierung?

Tilman Knop:
Ja, sicher, wer Erfolg haben will, muss schon auffallen, eine Marke sein oder markant auftreten. Kunst ist sicher der letzte Bereich wo man sagen kann, ich will so sein, wie alle anderen auch und einfach nur so vor sich hinzupinseln – obwohl ich den Gedanken ganz symphatisch finde. Also, ich habe kein Problem mit der Inszenierung, solange es zum Werk passt.

GWAI
Zum Thema Kulturbetrieb und Politik. Wie siehts du die Aktivitäten der Kulturbehörde, ist da für dich als "bedrohter" Künstler etwas an Hilfe wahrnehmbar oder steht der Künstler eher für sich alleine?

Tilman Knop:
Also, von denen erwarte ich gar nichts. Ich habe mal Katalogförderung bekommen, das war ein ordentliches Taschengeld und ich habe mich gefreut das bekommen zu haben und nicht selbst das gesamte Budget aufbringen zu müssen. Aber ansonsten erwarte ich nicht, dass die sich um mich kümmern, ich kümmere mich um mich selbst. Ich habe ja auch keine großen Kosten und kann häufig mit Dingen arbeiten, die ich sammele.

GWAI
Wann gibt es eine neue Ausstellung? Was kann man zukünftig von Tilman Knop sehen?

Tilman Knop:
Im November 2014 kommt eine Retrospektive der Commercials bei Feinkunst Krüger, wo ich 20 Jahre der Serie Revue passieren lassen werde. Das ist noch lang hin, aber da es ja ein sehr großes Projekt ist und ich hoffe, bis dahin genügend Arbeiten fertig zu bekommen, um die Ausstellungsräume voll zu kriegen.

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